Pflegeeltern statt Waisenheim

Ein Experiment mit rumänischen Waisenkindern bestätigt die Vermutung der Experten: Gegenüber der Unterbringung in einem Heim sind geschulte und bezahlte Pflegeeltern die bessere Lösung. In den Familien verlief die körperliche und geistige Entwicklung der Pflegekinder viel schneller. Nach drei Jahren lag ihr Intelligenzquotient um durchschnittlich neun Punkte höher als bei den Heimkindern.

Sieben Jahre ist es her, da entschieden in Bukarest eine Handvoll Lose in einem Hut über das Schicksal von 136 rumänischen Waisenkindern. Nach ausgiebigen Diskussionen zwischen dem zuständigen Ministerium und der örtlichen Kommission zum Schutz von Kindern war man dem Vorschlag amerikanischer Wissenschaftler gefolgt und hatte sich auf ein folgenschweres Experiment eingelassen. So bestimmte das Los für die zwischen sechs und 31 Monate alten Kinder, wer weiterhin in einem der staatlichen Waisenhäuser betreut würde und welche 68 Kinder statt dessen in der Obhut von bezahlten Pflegeeltern aufwachsen sollten. Ziel war es, die Folgen der unterschiedlichen Betreuungsarten auf die frühkindliche Entwicklung möglichst genau zu bestimmen und daraus Empfehlungen abzuleiten für den Umgang mit den über 100.000 Kindern und Jugendlichen, die in dem EU-Land Rumänien ohne ihre leiblichen Eltern aufwachsen müssen.

Die Veröffentlichung der Studie im Wissenschaftsmagazin „Science“ belegt nun eindeutig, wie sehr die vernachlässigten Kinder von der Zuneigung ihrer Pflegeeltern profitiert haben: Ihre geistige Reife, das Sprachvermögen und die Fähigkeit, zu planen und Probleme zu lösen, verbesserten sich erheblich. Zudem waren die Pflegekinder ihren, im Heim verbliebenen, Altersgenossen auch in körperlicher Hinsicht in allen Bereichen überlegen. Den größten Nutzen hatten dabei diejenigen Kinder, die schon vor dem dritten Lebensjahr in die Obhut ihrer Pflegeeltern kamen. Um 12 bis 15 Punkte übertraf deren Intelligenzquotient (IQ) den der Heimkinder zum Abschluß der Untersuchung. Dennoch war die frühkindliche Vernachlässigung auch an den Pflegekindern nicht spurlos vorbei gegangen, wie ein Vergleich mit 72 gleichaltrigen Bukarester Kindern zeigte, die niemals im Heim gewesen waren. Diese nämlich übertrafen den Intelligenzquotient der Pflegekinder nochmals um 10 Punkte übertrafen.

„Kinder, die in Heimen aufwachsen müssen, haben einen deutlich geringeren Intelligenzquotienten“, sagte der Leiter der Studie Charles Nelson, Professor für Pädiatrie an der Harvard Medical School in Boston. Er führt dies auch darauf zurück, dass die Betreuer in den Heimen zuwenig Zeit mit den Kindern verbringen können. Die Waisen lägen dann oftmals stundenlang auf dem Rücken ohne dass sich jemand um sie kümmert. „Je früher man Pflegeeltern für diese Kinder findet, umso besser“, betonte Nelson.

In Rumänien hat man bereits früh auf die ersten Ergebnisse aus der Studie reagiert und die Unterbringung nicht behinderter Kinder unter zwei Jahren in Heimen verboten. Die neuen Erkenntnisse könnten aber auch für Familienpolitiker in anderen Länder mit einer großen Zahl von Waisenkindern wichtig sein, so Nelson. Alleine in Russland leben nach offiziellen Angaben etwa 700.000 Kinder, die von ihren Eltern im Stich gelassen wurden. Und in 93 von der UNICEF untersuchten Entwicklungsländern registrierte man zuletzt 143 Millionen elternlose Kinder. Er hoffe, dass es nicht nur in Rumänien sondern auch an anderen Orten große Veränderungen im Umgang mit diesen Kindern geben werde, kommentierte Studienautor Nelson.

In Deutschland gibt es schon lange keine Waisenheime im klassischen Sinne mehr, erläuterte dagegen Ingeborg Becker-Textor, die frühere Leiterin des Referats „Kommunikation“ im Bayerischen Sozialministerium. Zwar lebten nach Angaben der Jugendämter Ende 2005 annähernd 62.000 Kinder, Jugendliche und junge Volljährige in Heimen oder in betreuten Wohnungen, doch sind dies entweder behinderte oder stark verhaltensauffällige Kinder, die medizinische Betreuung benötigen, so Becker-Textor. Angesichts zahlreicher Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch kämen in Deutschland etwa 40 bis 50 Bewerber auf jedes, zur Adoption freigegebene, „Waisenkind“. Außerdem kümmert sich in Deutschland eine große Zahl von intensiv geschulten Pflegeeltern dauerhaft um etwa 50.000 Kinder. Darüber hinaus haben sich viele als Bereitschaftspflegeeltern verpflichtet, buchstäblich über Nacht Kinder zu sich nehmen, wenn diese durch einen Unfall die leiblichen Eltern verlieren oder vor Mißhandlungen geschützt werden müssen.

Quellen: Cognitive Recovery in Socially Deprived Young Children: The Bucharest Early Intervention Project. Charles A. Nelson et al., Science 318, 1937 (2007), Unicef-Jahresbericht zur Situation der Kinder in der Welt 2006, KomDAT Jugendhilfe, Heft 3/06, S. 2

Weitere Informationen: Rumänien – Land der Waisenkinder und Neureichen: Fotostrecke im „Stern“, Hintergrundbericht von 1999 über „Rumäniens lästige Waisen“ in der Berliner Zeitung, Englische Originalfassung des Unicef-Jahresbericht zur Situation der Kinder in der Welt 2006, Pflegeeltern.de – Portal zum Thema Pflegekinder und Pflegeeltern, Albert-Schweitzer-Kinderdörfer und -Familienwerke

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